* 31 *
Das fahle Licht des kalten Herbstmorgens versuchte, durch die Oberlichter im Erdgeschoss von Lagerhaus Nummer Neun zu dringen. Wenig hilfreich war ihm dabei, dass die kleinen Fenster aus dickem grünem Glas und obendrein mit Staub bedeckt waren, doch er mühte sich nach Kräften und gelangte schließlich in Form langer matter Strahlen, in denen Unmengen von Staub flimmerten, ins Innere der Halle.
»Wo, sagtest du, soll dieser verflixte Spiegel sein, Alther?«, fragte Alice gereizt und schlüpfte unter einem ausgestopften Elefanten durch. Alther saß auf einer Ebenholztruhe, die mit dicken Eisenbändern beschlagen und einem großen Schloss versehen war. ZOLL NICHT BEZAHLT: BESCHLAGNAHMT war in leuchtendem Rot überall auf das Holz gestempelt, als hätte ein Zollbeamter die Beherrschung verloren und seine Wut an der Truhe ausgelassen.
Alther sah krank aus. Er fühlte sich, als hätte er einen Eimer Staub geschluckt und mit der stinkenden Brühe aus einer Tüte verfaulter Karotten hinuntergespült. Eine Stunde lang hatte er den schmutzigsten und schimmeligsten Haufen Plunder passiert, den zu passieren er jemals das Pech gehabt hatte. Hier waren so viele große Gegenstände in Säcke verpackt, in Truhen eingeschlossen und unzugänglich hinter Warenstapeln versteckt, dass Passieren für ihn die einzige Möglichkeit war, jedes einzelne Stück im Lagerhaus zu überprüfen. Bis jetzt hatte er nichts gefunden, und er hatte erst ungefähr den tausendsten Teil des alten Gerümpels und Krempels in Alices Lagerhaus kontrolliert. Er konnte nicht einmal klar denken, denn Feuerspeis lautes Schnarchen und die übel riechenden Rülpser, die er von sich gab – von Schlimmerem ganz zu schweigen –, verhinderten, dass sich seine wirren, staubigen Gedanken zu etwas Vernünftigem zusammenfügten.
»Wenn ich wüsste, wo der Spiegel ist«, erwiderte Alther missmutig, »würde ich jetzt nicht hier sitzen und das Gefühl haben, eine Herde von Foryx sei auf mir herumgetrampelt.«
»Sei nicht albern, Alther«, gab Alice zurück. »Es gibt keine Foryx.«
»Bist du sicher, Alice?«, knurrte Alther. »Wahrscheinlich hast du hier irgendwo einen ganzen Vorrat davon.«
»Als ich klein war«, bemerkte Jenna in der Hoffnung, die Wogen zu glätten, »dachte ich, dass es Foryx wirklich gibt. Nicko machte sich einen Spaß daraus, mir vor dem Schlafengehen mit Geschichten über sie Angst einzujagen – sie hatten halb verfaulte, schleimige Gesichter voller hässlicher Warzen und riesige Füße mit großen Krallen und liefen unablässig um die Welt und trampelten alles nieder, was ihnen im Weg war. Hinterher musste ich immer stundenlang von meinem Fenster aus den Booten zusehen, damit ich sie vergaß.«
»Das sind aber keine Gutenachtgeschichten für eine kleine Schwester, Nicko«, sagte Alther.
»Jenna hat es nichts ausgemacht, stimmt’s, Jenna? Du hast immer gesagt, dass du gern ein Foryx wärst.«
Jenna gab Nicko einen Stups. »Nur um dich jagen zu können, du Schlingel.« Sie lachte. Snorri sah den Geschwistern zu und wünschte sich, sie hätte auch einen Bruder wie Nicko. Hätte sie einen gehabt, wäre sie niemals von zu Hause fortgelaufen und hierhergekommen in dieses verrückte Land.
Alice kletterte über einen Haufen Säcke, die siebenundachtzig Paar Juxschuhe enthielten, die hinten spitz zuliefen. Sie riss mit dem Fuß ein Loch in einen Sack, und eine Wolke Lederkäferkot stieg in die Luft. Sie bekam einen Hustenanfall und ließ sich auf die Truhe neben Alther plumpsen. »Alther, bist du ganz sicher ... hust... dass dieser Spiegel... hust... wirklich ... hust, hust... hier ist?«
Alther fühlte sich so voller Staub, dass er nicht antworten konnte. Er saß in einem Lichtstrahl, und Jenna sah, dass in seinem Innern Millionen Teilchen wirbelten. Die Staubwolke war so dicht, dass er fast wie ein körperliches – und seltsam schmuddeliges – Wesen aussah.
»Aber du vermutest, dass er hier ist, nicht wahr, Onkel Alther?«, fragte Jenna und setzte sich neben den Geist, der mit sich haderte.
Alther lächelte sie an. Er hatte es gern, wenn sie ihn Onkel nannte. Es erinnerte ihn an die glücklichen Zeiten in dem chaotischen Zimmer der Familie Heap in den Anwanden, in dem sie aufgewachsen war.
»Ja, Prinzessin, ich vermute, dass er hier ist.«
»Vielleicht sollten wir Tante Zelda bitten, uns zu helfen«, schlug Nicko vor.
»Tante Zelda hatte keine Ahnung, wo er war«, knurrte Alther in Erinnerung an die nervenaufreibenden Tage mit der Weißen Hexe in Lagerhaus Nummer Neun. »Sie stand nur mitten in der Halle, fuchtelte so mit den Armen ...«, er ahmte eine Windmühle im Sturm nach, »... und rief: ›Da drüben, Alther. Ach, du dummer Kerl. Ich sagte, da drüben!‹« Jenna und Nicko lachten. Alther konnte Tante Zelda verblüffend gut nachmachen.
»Aber ich bin mir sicher, dass der Spiegel hier ist. Marcellus selbst behauptet es. Einhundertsechsundneunzig Tage nach seinem ersten erfolgreichen Versuch mit seinem – wie er ihn nennt – wahren Zeitspiegel, um den er einen Riesenwirbel veranstaltet und zu dem er als Gegenstück eine goldene Tür hat, stellte er zwei weitere Zeitspiegel fertig. Ein zueinander passendes Paar diesmal, und beide tragbar. Sie sollen hervorragend funktioniert haben. Diese beiden Spiegel suche ich. Und ich glaube, dass einer von ihnen hier ist...«
»Wow ...« Nicko pfiff durch die Zähne und sah sich um, als erwarte er, irgendwo einen Zeitspiegel aus dem Gerümpel ragen zu sehen.
»Bist du dir wirklich sicher, Alther?«, fragte Alice, die nach wie vor ihre Zweifel hatte.
Die Staubteilchen in Althers Inneren setzten sich allmählich, und er fühlte sich wieder besser. »Ja«, antwortete er, jetzt noch bestimmter als vorher. »Es steht alles in Broda Pyes Briefen, auch wenn Marcia behauptet, das sei alles nur ein Haufen Geschwätz.«
»Sep hat mir mal von Broda erzählt«, sagte Jenna. »Sie war Hüterin, nicht? Oh, wie ich Sep vermisse. Er hat mir immer eine Menge über alle möglichen nutzlosen Dinge erzählt ... und ich habe immer zu ihm gesagt, er soll nicht ununterbrochen quasseln wie ein Papagei... Wie leid mir das jetzt tut. Ehrlich!« Jenna schniefte und wischte sich die Augen. »Das ist nur der Staub«, murmelte sie, wohl wissend, dass sie sofort in Tränen ausbrechen würde, wenn jetzt jemand versuchen sollte, ihr etwas Tröstliches zu sagen.
»Ja nun«, sagte Alther, »ich vermute, Septimus hat sich für die Heilkunst des Marcellus interessiert. Marcia war deswegen immer krank vor Sorge. Sie wurde jedes Mal nervös, wenn er in die Nähe der versiegelten Abteilung in der Bibliothek kam. Ich frage mich, wie er von Broda erfahren hat.«
»Tante Zelda hat ihm von ihr erzählt«, sagte Jenna.
»Ach, tatsächlich? So, so ... Und hat sie ihm auch von dem Bündel Briefe erzählt, das sie hinterm Kamin fand, als sie die Katzenklappe für Berta baute?«
Jenna schüttelte den Kopf. Davon hätte ihr Septimus ganz bestimmt erzählt.
»Nun, das waren die Briefe Marcellus Pyes an seine Frau Broda.«
»Aber Hüterinnen dürfen doch gar nicht heiraten«, sagte Jenna.
»Ganz recht«, stimmte Alther zu. »Und hier sieht man auch, warum nicht.«
»Warum nicht, Onkel Alther?«
»Weil Broda ihrem Marcellus alle Geheimnisse der Hüterinnen verraten hat. Und wenn es für ihn brenzlig wurde, ließ sie ihn sogar den Königinnenweg benutzen, als Abkürzung nach Port. Auf diese Weise schaffte er alle möglichen alchimistischen Dinge hierher. Noch heute sind manche Ecken mit schwarzer Magie verseucht. Darum musst du dich immer vorsehen, wenn du den Königinnenweg benutzt, Prinzessin.«
Jenna nickte. Sie war nicht überrascht. Auf dem Königinnenweg hatte sie immer ein mulmiges Gefühl.
»Dann hat Marcellus also Broda erzählt, dass er den Spiegel in dieses Lagerhaus gebracht hat?«, fragte Nicko.
»Nein. Er hat ihr geschrieben, dass er um den Spiegel betrogen worden sei. Anscheinend hat er ihn auf dem Königinnenweg und dann mit einer Eselskarawane nach Port gebracht und schließlich auf ein Schiff verladen. Er wollte ihn einer kleinen, aber mächtigen Gruppe von Alchimisten in den Ländern der Langen Nächte zukommen lassen. Aber der Kapitän des Schiffes hinterging ihn. Kaum war Marcellus von Bord gegangen, verkaufte der Kapitän den Spiegel an einen gewissen Drago Mills – einen Porter Kaufmann, der jede Menge alten Plunder kaufte, ohne nach seiner Herkunft zu fragen. Wie auch immer, jedenfalls überwarf sich Drago ein paar Monate später mit dem Oberzollinspektor wegen einer Bagatelle, bei der es um überfällige Zollgebühren für eine andere Fracht ging, und der gesamte Inhalt seines Lagerhauses wurde beschlagnahmt. Niemand, nicht einmal Marcellus, durfte das Lagerhaus ohne die Erlaubnis des Oberzollinspektors betreten, den Marcellus als die Böswilligkeit in Person bezeichnete, und die Böswilligkeit in Person gab nie ihre Erlaubnis.
»Dann hat das Lagerhaus also damals Drago Mills gehört?«, fragte Nicko.
»Du hast es erfasst. Lagerhaus Nummer Neun. Mit den Jahren ist natürlich noch mehr Gerümpel dazu gekommen, aber im Wesentlichen ist es Dragos Schatz. Und irgendwo zwischen all dem Plunder ist der Spiegel versteckt, der einen in eine andere Zeit tragen kann – einhundertneunundsechzig Tage, nachdem Septimus dort angekommen ist.«
Stille trat ein, während Nicko, Jenna und Snorri versuchten, das Gehörte zu verdauen.
»Wir müssen ihn finden«, sagte Jenna schließlich. »Er muss hier irgendwo sein. Los, Onkel Alther.«
Alther stöhnte. »Gönnt einem alten Geist eine Pause, Prinzessin. Ich fühle mich immer noch wie im Bauch einer Teppichkehrmaschine. Ein paar Minütchen noch, dann mache ich weiter. Ah ... in deinen Drachen kommt wieder Leben. Wenn ich du wäre, würde ich schnell nach ihm sehen. Und vielleicht nimmst du gleich eine Schaufel mit, von dem Haufen alter Gartenwerkzeuge da drüben.«
Ein beißender Geruch erfüllte die Luft. »Oh, Feuerspei!«, protestierte Jenna.
Zehn Minuten später dampfte draußen vor Lagerhaus Nummer Neun ein großer Haufen Drachenmist, und Feuerspei fraß sich durch ein Fass voller Würste, das Jenna einem Händler, der mit seinem Karren auf dem Weg zum Markt war, abgekauft hatte. Der Drache verdrückte die letzte Wurst, soff einen Eimer Wasser leer, den Nicko herbeigeschleppt hatte, und schnaubte, wobei ein großer Klumpen Drachenschleim auf einen Haufen Kerzenständer aus falschem Messing klatschte und die Farbe zum Schmelzen brachte.
Feuerspei war zufrieden – ein Feuermagen voller Knochen, ein Futtermagen voller Würste. Jetzt musste er nur noch die Suche nach seinem Präger zu Ende bringen. Er setzte eine entschlossene Miene auf, klopfte mit dem Schwanz auf den Boden, sodass Staub aufwirbelte, und schloss die Augen.
Seit Beginn der Suche fühlte er sich von Port angezogen, und abgesehen von der unwiderstehlichen Einladung zum Frühstück, die von Snorris Boot an ihn ergangen war, hatte er sich von seinem Ziel nicht abbringen lassen. Er war stundenlang suchend über Port gekreist, bis er endlich etwas gespürt hatte. Er war auf dem alten Kai gelandet und dem schwachen Ruf des Suchzaubers den ganzen Weg bis zu dem großen grünen Tor von Lagerhaus Nummer Neun gefolgt. Nun aber, mit vollem Magen, konnte er wieder klar denken – und der Ruf des Suchzaubers wurde lauter, viel lauter.
Plötzlich schnaubte der Drache, bäumte sich auf und preschte mitten hinein in das Lagerhaus, sodass der Stolz des Drago Mills nach allein Seiten auseinanderflog. Jenna, Nicko, Snorri und Alice sahen ihn kommen, doch Alther, blass und voller Staub, sah ihn nicht. Im nächsten Augenblick wurde der Geist durch die Luft gewirbelt, von einem Drachen in besonderer Mission passiert und zu Boden geschleudert, wo er liegen blieb – so schlimm hatte er sich in seinem ganzen Geisterdasein noch nicht gefühlt.
Unterdessen fiel der Drache über die Ebenholztruhe her, auf der Alther eben noch gesessen hatte. In Sekundenschnelle waren die Eisenbänder abgeschält, das große Vorhängeschloss geknackt und der Deckel der Truhe mittels einer großen, scharfen Drachenkralle geöffnet.
In der Truhe lag, in weiche Samttücher geschlagen, ein Spiegel.